Architekten der Maag Halle

Wo Jahrzehnte lang Zahnräder produziert wurden, hat sich Kultur breit gemacht. Ein Stück Industriegeschichte ging zu Ende, um einer anderen Geschichte Platz zu machen: der von der «Maag Halle». Harald Echsle und Annette Spillmann vom Architekturbüro SEarch in Zürich haben die Voraussetzungen dafür geschaffen.

Eine Art Abschied

Es war auf den ersten Blick zu sehen, dass der Mann ein Leben lang hier gearbeitet hatte. Er betrachtete die Halle, die sich in atemberaubendem Tempo veränderte, mit einer Art kritischer Zuneigung. Hier, wo einst Maschinen dröhnten und Präzisionszahnräder hergestellt wurden, sollte künftig nichts mehr an die industrielle Vergangenheit erinnern. An seine Vergangenheit. Doch damit hatte er sich längst abgefunden und – wie vielen seiner Arbeitskollegen, die im Laufe der Bauzeit hier aufkreuzten – schien es ihm immerhin tröstlich, dass das Gebäude nicht dem Erdboden gleichgemacht wurde. «Habt ihr daran gedacht, dass es einen Mordslärm gibt, wenn es hier aufs Dach hagelt», fragte er die Architekten. «Es könnte sein, dass die Veranstaltungen dadurch gestört würden.» Natürlich hatten die Architekten daran gedacht, aber diese Anteilnahme rührte sie. Sie unterhielten sich mit dem Mann, weil ihnen plötzlich bewusst wurde, dass hier nicht nur etwas entsteht, sondern auch etwas zu Ende geht.

Eine neue Welt

Als das Architekurbüro SEarch im Mai 2001 die erste Etappe des Projektes in Angriff nahm und den Auftrag für die Gestaltungdes Theater- und Musical-Bereichs bekam, tat es dies ganz unbefangen. Ein Foyer, eine Bar, ein Auditorium mit tausend Plätzen und eine möglichst grosse Bühne sollten ursprünglich nach den Vorgaben der Bauherren Guido Schilling und Darko Soolfrank darin Platz finden, damit hier vom März 2002 bis Juli 2003 das Musical «Deep» aufgeführt werden konnte.

Und es sollte – in nur zehn Monaten – eine neue Welt entstehen. Eine Welt voller Atmosphäre bei der das Element Wasser eine zentrale Rolle spielt. Ein glücklicher Zufall, dass sich das Musical Deep im Grunde genommen durch ähnliche Eigenschaften auszeichnet, wie sie auch die Industriehalle zu bieten hat: Weite, Leere und Tiefe. Harald Echsle und Annette Spillmann integrierten die vorhandenen Elemente und kreierten eine sanfte Erlebniswelt, die faszinierend wie auch einfach gestaltet ist: Schon die alte Industriefassade wird zum Aquarium. Einmal eingetreten, ist alles darauf ausgelegt, die Besucher dezent in verschiedene Welten zu führen. Sie werden warm empfangen, dann tauchen sie ab – dafür sorgen das tiefe Blau des Foyers, das obskure Licht, die dumpfe Akustik. Weite Flächen lassen Platz, stimmen ein. Unvermittelt betreten die Besucher eine neue Szene. Über Treppen, Rampen und Tunnels gelangen sie von Raum zu Raum. Alles ist bewusst unauffällig gestaltet.

So auch die 1450 m2 grosse EventHall, die als zweite Etappe im Herbst 2003 neu dazu kam und die mit den anderen Räumlichkeiten kombiniert werden kann. Die EventHall verfügt seit ihrem Bau Ende der sechziger Jahre über eine innenseitige, wunderschöne, 50 Meter lange Glas-Sprossenwand-Fassade welche dem Ambiente einen dezenten japanischen Touch verleiht. Dieses Thema nahmen die Architekten auf und ließen es in die Gestaltung der neuen Halle einfließen. Auch in diesem Raum steht alles unter dem Motto «Eintauchen in eine andere Welt» bevor der Besucher am Ende des Events wieder in die nüchterne Wirklichkeit des Zürcher Maag-Areals entlassen werden.

2004 erfolgte der Umbau der Härterei. Die grossen Becken zum Härten der Zahnräder wurden entfernt, die kohleschwarzen Wände gereinigt. Die Fabrikathmosphäre hat der Raum mit dem grossen Industriekran trotzdem beibehalten. Gasleitungen, die alten grauen Wände, die Messgeräte von damals erinnern immer noch an die Zeiten, in denen die Härterei Temperaturen weit über der 300°C aushalten musste. Nun erfolgt ein weitere Schritt: Das Architekturbüro P.5 um Roger Bächtold verwandelt die nackte Halle und in einen multifunktionalen Raum mit versenkbarer Bühne, Bar, Loungemöbeln, einer Projektionswand sowie einer höhenverstellbaren Deckenkonstruktion mit vier Segeln. Für öffentliche wie geschlossene Events eröffnet sich hier eine Plattform mit ganz neuen Dimensionen. Der Härterei-Club feiert am 13. März 2009 seine Eröffnung und wird in Zukunft Zürichs Nachtschwärmer wieder auf das Maag Areal locken. Freitags und Samstags drehen sich jeweils ab 23 Uhr die Plattenteller. Auch kleinere Konzerte bis 700 Personen werden in unregelmässigen Abständen auf die Bühne gebracht.